Mein Leben begann eigentlich erstmals* zwischen Lötkolben und FTZ-Nummern zu Zeiten als große Abenteuer nur in 8 Bit möglich waren. Dank vieler alter Freunde kann ich mich heute sehr glücklich schätzen, dass ich wohl so ziemlich jede Facette der Computerhistorie miterleben durfte. Ich heiße Jürgen Jester, und mein Einstieg erfolgte mit dem wohl am meisten verkauften Heimcomputer der Geschichte: Dem Commodore 64. Dieser sollte auch nur kurze Zeit sein originales Dasein fristen, ehe die vielen Einflüsse mich dazu brachten, mich für die Hard- und Software im Detail zu begeistern und diesen bereits mit ersten Lötversuchen und angeschafftem Eprom-Brenner zwar ein wenig zu verunstalten – aber immer weiter zu verbessern. Was waren wir stolz!

Aber eigentlich wollte ich nur ein Atari, wie mein Klassenkamerad Uwe

pongEigentlich wollte ich als Kind immer ein ATARI VCS 26oo, eines dieser Telespiele, das man an den Fernseher klemmte und nur noch das Spielmodul reinstecken musste. Ein Schulfreund (Hallo Uwe!) hatte dieses Teil von seinen Eltern bekommen und mir hat das Ding besser gefallen als alles was ich je zuvor gesehen habe. Das CBS – Pong war das einzige das ich von Zuhause her kannte. Das war dieses “Tennis”, bei dem ein Viereck mit zwei Controllern … kennt ja jeder 🙂

Sonst schätzte ich die ganzen Spielautomaten aus dem ‘City’ in Speyer – zu seiner Zeit eine echte Videospiel Höhle mit unzähligen Automaten von Afterburner, Outrun oder auch TimePilot, eines meiner Lieblingsgames! Doch die echten Klassiker standen wo anders: DonkeyKong stand im Getränkemarkt vom EZA (ich erinnere mich noch an den Geruch der Getränkehalle, so sehr hatte mich DonkeyKong angezogen). Der einzige Asteroids Automat stand kurz im Freibad von Speyer, doch verschwand auch schnell wieder. Dann erinnere ich mich nur noch an die erneute Begegnung in unserem Landschulheim in Hochspeyer. Das VCS System von Atari war da schon eine Wucht für Zuhause, doch mein Vater hatte erst Krieg der Sterne auf Super8 gekauft und viele werden sich erinnern das die Filmrollen damals kosteten. Da war nicht mehr viel für sowas übrig.

Meine Reise in die Cyberwelt begann 1984 (nein, das Buch hatte ich da noch nicht gelesen 🙂 mit einem spektakulären Weihnachtsgeschenk. Zuvor hatte ich erst im städtischen Jugendzentrum einen Kurs auf einem Apple II besucht, da ich einen Apple II Freak aus der Schule kannte, bessergesagt war es das Equipment seines Bruders – ein teures Zeug. Christian Busch wohnte zu seiner Zeit am Wasserturm in Speyer und hatte mir damals gezeigt was der Unterschied zwischen den Konsolen und den Computern war – die echt Freiheit für Programme und User 🙂 Meine Mutter hatte es damals auf sich genommen dem Söhnchen etwas zu kaufen, was dieser sich oft im Schaufenster fragend angesehen hatte. Ein eingeschalteter C64 ‘Brotkasten’ an einem Farbfernseher im Schaufenster der FotoQuelle auf der Speyerer Hauptstraße.

Der Atari war im Vergleich viel billiger, daher hatte ich lange ein Auge auf den geworfen, denn a. Sagten mir die Spezifikationen im Schaufenster nichts und da wir nicht viel Geld hatten, würde ein C64 den finanziellen Rahmen sprengen. Hinzu kommt, ich kannte niemanden der so ein ‘Ding’ hatte.

So entschieden damals meine Eltern sozusagen welcher “Gruppe” User ich angehören sollte. Für die, die es nicht wissen, sei gesagt, daß es die Commies und Atarianer gab. Ja es herrschte auf eine Gewisse Art und weise sogar Krieg. Die Commies steigen später um auf den Amiga und davon viele wiederum auf den PC. Atarianer (vom 600 und 800 XL/XE) der 8Bit Generation stiegen fast immer auf die (Mega)ST Reihe um und der Glaubenskrieg (welcher Computer denn nun der Bessere wäre) wurde auch dort eifrig fortgesetzt. Zudem fanden die meisten ST´ler wie man sie nannte, später den Weg zum Apple Macintosh.

Commodore c64
Der Commodore c64

Meine Ma hatte es damals auf sich genommen die Hardware bei Quelle zu kaufen und mit dem Fahrrad nach Hause zu schaffen. Einen C64 und eine 1541 Floppy. Zusammen kam das auf fast 2000 DM zu dieser Zeit. Zu Ihrem Leid, sei erwähnt, dass sie nicht zugegen war, um meine großen Augen und die Begeisterung zu sehen, als zwei Tage vor Weihnachten mein Vater (auch neugierig) mir heimlich offenbarte, was da in der Besenkammer unter dem Gerümpel versteckt für Weihnachten war!

Als wäre es gestern gewesen: Das Rumgerutsche auf dem Teppischboden vor dem Fernseher… Kabel rein, Fernseher anschließen und einschalten. Ein blaues und irgendwie rätselhaftes Bild bot sich: Ein Cursor (der Eingabeprompter) blinkte mich tot und ich hatte nun keine Ahnung mehr was zu tun ist. Ein Steckmodul fand sich noch zwischen den Sachen, das ich schließlich ausprobieren wollte, nachdem ich mit dem “rohen” Kasten irgendwie nichts anfangen konnte. Pegasis hieß das Teil und war schlichtweg – kurzweilig, da es wirklich zu einfach war. So gerne hätte ich etwas wie Centipede oder SpaceInvaders gespielt – so war es gut, dass es noch nicht Weihnachten war und mein Vater mich mit etwas Geld bewaffnet in die Stadt schickte, ich solle mal sehen ob ich noch etwas finde.

Nach Hause mit ‘Wizard of Wor’

So kam ich in den Laden rein, wo dieser “böse alte Onkel” seine Computer im Geschäft bewachte. Ein echtes Ekel, der uns Kinder, die nach der Schule immer gern in seinem Laden die Kisten bestaunten irgendwann raus warf, da wir nichts kaufen woll… äh konnten. Doch diesmal war das natürlich anders. Ich wühlte mich mit der Geldbörse in der Hand durch die Steckmodule im Quelle laden. Es war nichts von den Games dabei, die ich bisher kannte, sollte aber mit einem weiteren Meilenstein der Spielegeschichte nach Haus gehen: Wizard of Wor, damit ging ich zur Kasse, weil das Cover cool und die Beschreibung sich noch besser las. Das Cover verriet, es wäre eine Art von Labyrinthspiel, das man (und das war zu der Zeit echt selten!) zu zweit spielen konnte – gleichzeitig! So sah das Spiel auf dem Automat in der Spielhalle aus:

Erst später kam dann noch die Datasette hinzu – das war das Kassettenlaufwerk, da viele Spiele auf Datasette bei uns Anfangs besser zu bekommen waren. Wer kennt nicht die Reihe von Mastertronic (z.B. ‘The last V8’) für 9.95 DM ? Ehe das Netzwerk zu anderen geschaffen war, musste man sich die ersten Spiele schon kaufen … alleine schon um etwas zum Tausch zu haben, wenn man auf die anfänglich so gewissenlosen Dealer stieß, die erstmal erfahren mussten, dass man auch ganz cool war.

Ich liebte klassische Computerspielen wie auch die Vereinstreffen des 1983 gegründeten Computervereins SMCC e.V. (Speyerer Micro Computer Club). Neben der 64er, RUN der Happy Computer gab es noch viele Magazine, in die ich jeden Monat viel Geld und Liebe investierte. Abtippen der Listings gehörte damals so dazu, wie viele erfolglose Versuche gekauften Programmen Ihren Kopierschutz zu rauben.

Neue Welten dank dem SMCC e.V.: Speyerer Micro Computer Club

Mac SMCC Magazin Juni 1985 Mit dem Eintritt in unseren örtlichen Computer Club SMCC, was für ‘Speyerer Micro Computer Club e.V.’ stand, änderte sich praktisch alles. So lernte man nicht nur mehr Leute aus der echten Szene kennen, man lernte sehr viel dazu und kam auch mit dem Kauf von Leerdisketten kaum noch nach. Der Klang der Panflöten wenn das MarauderII Kopierprogramm gestartet wurde, lag genau wie der zugehörige Zigarettenqualm in der Luft.
Der Vorstand wusste natürlich nichts davon, wenn es in den Jahren wieder und wieder mal zu einem Besuch der örtlichen Polizei kam. Das war der Anfang einer großartigen Zeit und dem Gewinn vieler neuer Verbündeter. Das MAC das Computermagazin des SMCC hab ich hier mal eingescannt und als PDF umgewurschtelt. Wenn Du Dich für diese Zeit interessierst, wirst Du darin interessante Artikel finden, die große Magazine zu dieser Zeit nie hätten drucken dürfen. Das MAC hatte nichts mit dem Apple Mac gemein, zu dieser Zeit gab es noch den Apple II. Das MAC war das allgemeine Clubblatt des Speyerer Micro Computer Clubs. Leider hat die Zeit scheinbar nur dieses eine Exemplar überlebt. Ich bin inzwischen selbst froh, was ich es vor Jahren digitalisiert habe, fand ich die Ausgabe nach dem letzten Umzug auch nicht mehr sniff.

Man nannte uns später die Kellerkinder. Und manche Menschen, die diesem Thema unwissend gegenüberstanden, fühlten sich bei unseren Club-Treffen scheinbar von unserem Hobby bedroht. Das ging soweit, dass sie sich lieber an die Ordnungshut um “Hilfe” wandten, die Beamten hatten in der Anfangszeit einen Wissensstand, der sich kaum dem des Verkäufers bei “Kaufhof” unterschied. Das ist nicht böse gemeint, irgendwo musste es eben beginnen und das waren die Anfänge in den 80er Jahren.

Wir waren nicht die Bösen und wollten es auch nicht sein

Unsere eigene Hardware war meist den, in den Kaufhausregalen, so fremd es nur geht – oft auch von der Leistung. Es galt – je schneller und umgebauter desto besser. Wir hatten mit den VW und OPEL-Clubs oft einiges gemein, denn wer schonmal einen Commodore Plus4 mit verchromten Sidepipes gesehen hat, dem ist klar, dass sich der Kasten die “verdient” hatte und es das Gerät eines echten Freaks war. Man lebte auch mit einer Lebenseinstellung, die sich derer unserer normalen Mitmenschen ziemlich unterschied – vielleicht wurden wir deshalb so oft seltsam beäugt. Doch das lag oft daran, dass wir neben ein paar Freunden in unserem Leben nicht viel mehr Beziehungen als als zu Computern hatten.

In diesen Zeilen geht um unsere frühe Randgruppe, die nichts mit Punks und Poppern gemein hatte. Wir lebten in unserer eigenen Welt, die wir selbst errichtet hatten. Dabei war es uns völlig egal, ob wir als Teenager noch von den Eltern eingekleidet wurden, oder welche Religion oder Hautfarbe ‘unsere Freunde’ hatten. Wir fühlten uns pudelwohl in den 80ern. In dieser Zeit waren Freundschafen unter diesen Gleichgesinnten alles. Vermischt mit dem Reiz “des Verbotenen”, dem Geruchs von zu lange vorsichhinkochenden Lötkolben und den FTZ-Nummern neben den romantischen kleinen schwarzgelben Posthörnchenaufklebern hat das Leben einfach pulsiert. Die FTZ war eine Abkürzung für das Fernmeldetechnische Zentralamt, das der damaligen Bundespost unterstellt war. Hier wurde (peinlich genau) untersucht, was man am Telefonnetz anschließen durfte und was nicht. Ich sollte erwähnen dass Endgeräte in dieser Zeit über eine FTZ oder BTZ Nummer verfügen mussten, wenn diese in den Handel gebracht wurden. Das war natürlich langweilig und verursachte den einen oder anderen hohen Puls in unserem frühen Leben 😀

Die einen legten den Opel Manta tiefer, um die anderen Auto-Nerds zu beeindrucken. Bei uns war das ähnlich. Jeder versuchte andere damit zu beeindrucken, was oder welchen Computer man so an der Telefonleitung hängen hatte und das Modell hier stand in den 90ern bei uns allen ganz hoch im Kurs. Natürlich gab es das Modell nicht mit einer Post-Zulassung, aber das war ja gerade das coole an der Sache 🙂

US Robotics analog modem Courier V34
Bortzmeyer [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
CCR e.V. - Martin Jahners Projekt der digitalen Fotografie
CCR e.V. – Martin Jahners Projekt der digitalen Fotografie

Durch einen glücklichen Zufall überlebte ich nicht nur die 80er, sondern auch noch einen Verkehrsunfall, an dem ich und mein Fahrrad beteiligt waren. Der gebrochene Arm und die Fahrerflucht des Verursachers (und *fingerscrossed* dessen spätere Ergreifung) brachten mir die nötigen Mittel ein, um mir kurz nach dem Erscheinen einen Amiga 1000 mit Sidecar kaufen zu können – der gefühlte Höhepunkt meiner Computergeschichte. Hier lernte ich die ersten Leute aus der Szene kennen und die neue Sucht der Datenfernübertragung war geboren – wodurch ich wieder viele viele neue Freunde kennenlernte.

Der Unterschied zu heute? Man identifizierte sich mit seinem Computer

happycomputerlogo

In zahlreichen Folgen der ehemaligen Computerzeitschrift Happy-Computer aus dem Markt & Technik Verlag, die man natürlich im Abo hatte, wurden die Comics von Guba & Ully veröffentlicht. Der Eichborn Verlag hat 1988 übrigens ein 40-seitiges Comicbuch mit dem Titel: KOSINUS. Computer-Kid. ‘Ich dich auch’ herausgebracht. Und so sahen diese Comics aus:

kosi1

plotter

praesident

In meinen dazu parallel betriebenen PC hinkten die Erfolge auch immer mehr, als ich dank einer Bastel-Platine, die ich in einem ISA 8-Bit Slot meines PCs betrieb plötzlich ein helles “Licht” erschien. Dieses nahm die Seele meines damaligen PCs ganz schnell mit und signalisierte mit einer Menge Rauch das Ende meiner Bastelei. Diese Experimente wurden plötzlich zu teuer und vielleicht ist auch das ein Grund, warum wir uns an den C64 so gerne erinnern, bei dem man so viele schöne Extras einbauen konnte.

Als ich dann wieder ein paar Jahre später auf einen 286er mit 12Mhz umstieg, zogen die ersten älteren Freunde nicht mehr mit. Es war für mich ein neues, unentdecktes Land und trotzdem verstand die Gründe der anderen Jungs damals nicht – das sollte sich erst viele Jahre später einstellen. Irgendwann bekam ich die Gelegenheit gebraucht ein 386er mit einem teuren 387er Coprozessor umzusteigen und das Board mit einer ET4000 auszurüsten. Das brachte mich dann zum ersten Mal in Kontakt mit 3D Studio für DOS 🙂 Und diese Begegnung sollte sich auf mein späteres Leben auswirken – noch heute arbeite ich mit dem Programm 3D Studio Max, auch wenn sich diese Software für mich leider in den letzten Atemzügen befindet.

Selfie mit der Casio QV 100
Mein erstes “Selfie” mit meiner Casio QV 100: Eine alte Aufnahme mit meinem Pentium 100 und dem damals so geliebten Aldus Photostyler
Meine erste Wohnung, das Computerzimmer mit einem Pentium 100 und einem Pentium 90
Meine erste Wohnung, das Computerzimmer mit einem Pentium 100 und einem Pentium 90

Ja, das ist alles lange her. Heute kann ich meiner Tochter bei den ersten Gehversuchen helfen und nun ihr die Technik nahe bringen, die mein Leben so positiv verändert hat. Dass ich jetzt mehr und mehr Gelegenheit habe, am PC ein Spiel zu spielen, brachte mich dazu diese Seite zu starten. Hier testen “wir” gelegentlich Spiele und reden mit der Welt auf diese Art. Und gerade jetzt freue mich mich sehr, dass ich Dich da draußen an einem Empfangsgerät gefunden habe.

Ich möchte mich bei allen Leuten bedanken, die diese Zeit zu einer spannenden Reise in eine ungewisse Zukunft gemacht haben, ich werde euch nie vergessen. Und auch wenn schon einige meiner besten Freunde nicht mehr da sind – Rainer Wöhrle (Anti-Byte), Jürgen Ernsdörfer und Olaf Boos (Blue Elephant) werden mir unvergessene Freunde bleiben. Das Leben kann wirklich gemein sein :/ ich hoffe wir sehen uns irgendwann auf der anderen Seite wieder!

Viele Grüße
Jürgen

*zum zweiten Mal und so richtig begann mein Leben mit meiner lieben kleinen Familie hoch oben im Norden. Danke dass es euch gibt 🙂